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Der versaute Urlaubsstart (EH/San, später RTD-Personal)

BeitragVerfasst: 06.08.2014, 10:08
von Hajo Behrendt
Endlich Sommerferien!

Du freust dich auf den Urlaub an der Nordsee. Schon seit Stunden sitzt du im Auto deiner Eltern auf dem Weg zum Urlaubsort. Es ist schönes Wetter und ihr habt euch auch durch die vielen Staus nicht aus der Ruhe bringen lassen. Bei den sommerlichen Temperaturen sind jede Menge Tagesausflügler und Urlauber auf den Straßen unterwegs.

Kurz vor Erreichen des Zielortes befahrt ihr eine Kreisstraße, als ein Elternteil vom Beifahrersitz plötzlich ruft: Schau mal, da vorne scheint was passiert zu sein. Da liegt einer auf der Straße!

In der Tat liegt eine ältere Dame neben ihrem Fahrrad mitten auf der Fahrspur auf dem Boden und bewegt sich augenscheinlich nicht.

Als Ersthelfer/Sanitäter in deinem SSD hast du bereits erste Erfahrungen mit der Versorgung von Patienten sammeln können, jedoch waren noch keine "echten" Notfälle dabei. Vielleicht ist das jetzt einer? Ihr haltet kurz vor dem Ereignisort an. Auf jeden Fall steht euch ein Kfz-Verbandkasten zur Verfügung; wenn ihr eine private Sanitätstasche mit in den Urlaub nehmt, von mir aus...

The stage is yours...

BeitragVerfasst: 06.08.2014, 10:13
von -Anja.-
Ich würde mich gerne bereit erklären, bin SanH ;)

EDIT: Wenn sich ein anderer findet, gebe ich auch gern ab!

BeitragVerfasst: 06.08.2014, 10:27
von Hajo Behrendt
Na, dann mal los.

Bitte nenne die ersten Maßnahmen, die du trifftst, nachdem du an der Einsatzstelle ankommst.

Ich beantworte/kommentiere dann die Maßnahmen und teile auf Nachfrage Vitalwerte etc. mit.

BeitragVerfasst: 06.08.2014, 10:30
von -Anja.-
Zu ersteinmal: Wo genau bin ich? Mitten auf der Straße? Ist diese vielbefahren?
Irgendwelche Gefahren außerhalb meines PKWs?
Irgendwelche Autofahrer um mich herum?

BeitragVerfasst: 06.08.2014, 10:50
von Hajo Behrendt
Du befindest dich auf der Kreisstraße 5 zwischen Garding und Sankt Peter-Ording, kurz hinter dem Bahnhaltepunkt Sandwehle. Die Straße heißt hier "Alter Gardinger Deich" an der Einmündung Hartkoogweg.

Neben deinen Eltern haben auch zwei weitere Fahrzeuge angehalten, darunter auch ein Fahrzeug der Bundeswehr-Feldjäger.

Die kleine Straße, auf der du stehst, ist verwinkelt aber nicht vielbefahren, allerdings werden an dem Unfallort tw. hohe Geschwindigkeiten erreicht. Ein Rad- oder Fussweg ist nicht vorhanden. Die Unfallstelle liegt hinter einer Kurve.

BeitragVerfasst: 06.08.2014, 11:15
von -Anja.-
Google Maps ist mein Freund ;)

Alles klar, dann achte auf auf jeglichen Verkehr, steige vorsichtig aus dem Auto aus und ziehe mir eine Warnweste an, meine Eltern bitte ebenfalls. Meine Mutter soll zu dem BW-Auto und dem anderen PKW laufen und fragen, ob Sanitäter/Ärzte/Mediziner anwesend sind und sich den EH-Kasten/Rucksack je nachdem geben lassen.
Mein Vater soll sich das Warndreieck aus unserem PKW sowie das aus dem 2. PKW geben lassen. Ein Warndreieck soll er vor die Kurve stellen, das zweite circa 100 Meter vor die Unfallstelle von der Richtung aus, wo wir hergekommen sind. Dann soll er zu mir zurückkommen.
Ich packe mir unseren EH-Kasten vorerst, ziehe die Handschuhe an und laufe zu der Frau, wenn keine Gefahren für mich zu erkennen sind.
Wie alt ist die Frau? Gesichtsfarbe? Auffälligkeiten am Körper/-haltung? Geräusche, die sie von sich gibt? Offene Wunden, die sichtbar sind? Wie liegt sie da?

BeitragVerfasst: 06.08.2014, 12:20
von Hajo Behrendt
Super, dass du so vorbildlich an das Absichern gedacht hast. Gerade außerorts muss das Warndreieck mindestens 100 m vor der Unfallstelle aufgebaut werden, liegt eine Kurve im Blickfeld, sogar noch weiter davor. Auch das du eine Warnweste trägst, finde ich klasse.

Ebenfalls hervorragend ist, dass du andere Verkehrsteilnehmer einbinden möchtest. Der Bundeswehr-Militärpolizist ist Einsatzersthelfer A (Erweitere Erste Hilfe) und befindet sich aufgrund eines bevorstehnden Auslandseinsatzes in der Ausbildung zum Einsatzersthelfer B, was einer Sanitätsausbildung in den Hilfsorganisationen nachkommt. Trotzdem verfügt das Fahrzeug nur über den Standard-Verbandkasten. Der BW-Angehorige parkt das Einsatzfahrzeug quer auf der Straße und schaltet die Sondersignalanlage ein. So ist die Unfallstelle definitiv abgesichert, und du kannst gefahrlos agieren.

Die Frau ist älter, schätzungsweise zwischen 65 und 80 Jahre alt, und liegt bewußtlos in Rückenlage auf der Straße. Eine Fehlstellung der Extremitäten ist augenscheinlich nicht zu erkennen, allerdings bemerks du um das rechte Auge herum ein schnell größer werdendes Monokelhämatom. Die Gesichtsfarbe ist normal, zu hören sind schnarchende, brodelnde Atemgeräusche. Aus dem Mund treten jetzt Blut und Erbrochenes aus. Auch erkennbar ist der Austritt von Blut aus Nase und Ohr.

Wie gehst du weiter vor?

BeitragVerfasst: 06.08.2014, 12:38
von -Anja.-
Dann bitte ich doch den BWler sofortig einen Notuf abzusetzen mit Verdacht auf Lungenödem sowie SHT II.
Ich spreche dir Frau laut an. "Hallo, hören Sie mich?"
Reaktion?
Außerdem taste ich gleichzeitig Puls und zähle die Atemzüge in der gleichen Zeit. Werte?
Ich bitte den BWler die HWS mit den Händen zu fixieren. Genau Beschreibung: Er kniet sich hin, macht mit den Händen eine Schale und umfasst den Kopf. Die Daumen sind dabei oberhalb der Ohren.
Wenn sie erbricht drehen wir sie achsengerecht zur Seite. Das restliche Erbrochene räume ich mit den Fingern aus dem Mund.
In der heutigen Zeit von Smartphones bitte ich einen umstehenden, mir das Handy zu reichen. Wenn diese Handytaschenlampe nicht zu hell ist, leuchte ich damit die Pupillen aus. Pupillenform vor Lichteinfall? Danach? Reaktionszeit?

EDIT: Wie ist die Atmung? Flach, tief, schnell, langsam?
GCS?

BeitragVerfasst: 06.08.2014, 12:58
von Hajo Behrendt
So, der Notruf wird abgesetzt. Wie kommst du auf die Diagnose Lungenöden? Nur durch das Brodeln? Wodurch könnte das noch verursacht werden?

Tipp: Bleibe beim Notruf bei dem Wesentlichen. Ein SHT liegt mit Sicherheit vor. Gut. Welcher Grad genau ist in der Situation erstmal egal. Was wesentlich wichtiger wäre, ist die Information, dass die Patientin bewusstlos ist. Daher würde ich mit dem Notruf noch bis zur Bewusstseinskontrolle warten und diesen erst absetzen, sobald das Ergebnis feststeht.

Ganz konsequent hast du bei (vermuteter) Bewusstlosigkeit Atmung und Puls kontrolliert. Die Person reagiert auch auf laute Ansprache nicht. Evtl. solltest du hier auch noch an den Schultern rütteln oder einen kleinen Schmerzreiz setzen. Der Puls ist an der A. carotis sehr deutlich tastbar, die Atemfrequenz ist normofrequent bei ca. 12/min-1. AZV erscheint normal.

Das manuelle Freimachen der Atemwege ist die richtige Maßnahme. Gut, dass du hierbei den Kopf halten und achsensymmetrisch mitdrehen lässt.

ACHTUNG: Das Freimachen der Atemwege sollte aber noch VOR dem Überstrecken des Kopfes zur Atmenkontrolle erfolgen. Durch das Überstrecken wird ja der Atemweg geöffnet und der Inhalt der Mundhöhle könnte in diesem Moment zurückfließen und in die Atemwege aspiriert werden.

Die Augen der Patientin sind geschlossen, die Pupillen sind beidseitig maximal weit und reagieren nicht auf Lichteinfall. Die Frau stöhnt von Zeit zu Zeit auf, andere Reaktionen oder Bewegungen sind nicht feststellbar.

Frage zurück: ;) Wie lautet der GCS-Score?

Welche Maßnahmen leitest du ein?

Wodurch ist die Blutung aus Nase und Ohren zu erklären?

Möchtest du weitere Anleitungen zum korrekten Handeln durch die Leitstelle erhalten? (hoffentlich nicht hier im FB, wird bei uns aber immer angeboten)

BeitragVerfasst: 06.08.2014, 13:11
von Hajo Behrendt
RTD-Teil:

Die Alarmierung erreicht euch auf der Anfahrt zu einem Krankentransport im Status 3. Als nächstgelegenes Fahrzeug werdet ihr umdisponiert und dem Einsatz zugeteilt.

Parallel wird gem. Notarztindikationskatalog ein NEF mitalarmiert. Da die beiden nächstgelegenen Fahrzeuge belegt sind, erfolgt die Alarmierung eines ca. 35 km entfernten Fahrzeuges, es ist mit einer Eintreffzeit von 30 Minuten gerechnet.

Bei dem Rettungswagen handelt es sich um ein Standard-Rettungsmittel "Schleswig-Holstein-Modell", ausgerüstet nach DIN EN. Zur Verfügung steht ein Corpuls 3 in Vollausstattung, sowie der Transportrespirator Medumat Transport in Vollausstattung. Allerdings werden in dem Kreis (der Einsatzort befand sich nicht an dem im FB genanten Ort) nur Notkompetenz-Medikamente auf dem Fahrzeug vorgehalten, keine Analgetika oder Narkotika.

Besetzt ist das Fahrzeug mit Lehrrettungsassistent und Azubi zum RettAss, aktuell qualifiziert als RS 200 gem. RDG S-H.

Wer möchte hier den Einsatz übernehmen?

BeitragVerfasst: 06.08.2014, 13:21
von -Anja.-
Ich gehe von einer verminderten Leistung der linken Herzhälfte aus. Dieses Brodeln lernte ich als ganz charakteristisch zum Lungenödem kennen.

Gut, das hab ich jetzt nicht beachtet. Ich würde dann einmal gerne einen Schmerzreiz setzen unterhalb der Clavicula. Wie ist die Reaktion darauf? Schmerzabwehr?
"Können Sie ihre Finger bewegen?" Reaktion?

Das war für mich aber klar. Denn sonst würde das Erbrochene zurückfließen. Wie du sagtest.

Um den GCS-Score bestimmen zu können brauche ich noch weitere Informationen über die Motorik. Momentan wäre ich von der Summe her auf 3/4, aber da kommt ja noch ein Wert dazu.

Ich würde sehr sehr ungerne die SHT typische erhöhte Lagerung durchführen. Denn da sie erbricht besteht meiner Meinung nach die Gefahr des Erstickends. Ich würde sie sehr gerne so achsengerecht wie möglich in die SSL versetzen. Denn mir ist momentan das umgehen der Erstickung wichtiger als die Wirbelsäule. Treat first, what kills first. oder wie das auch heißt :D

Mit der Blutung aus Nase und Ohren muss ich ehrlich zugeben, das kann ich dir nicht explizit erklären. Ich kann es mir vorstellen, dass es vom erhöhten Hirndruck kommt. Aber wie gesagt, ehrlichgesagt weiß ich es nicht genau.

Nein. Auf jeden Fall noch die Bewusstlosigkeit beim Notruf mitteilen. Und dann das Ergebnis des Schmerzreizes.

BeitragVerfasst: 07.08.2014, 08:11
von Hajo Behrendt
Ja, eine Linksherzinsuffizienz könnte zu einem Lungenödem führen, wenn sie dekompensiert. Man sollte immer auch internistische Notfälle as Auslöser für Verkehrsunfalle in Erwägung ziehen. In diesem Fall liegt aber kein Lungenödem vor, das Brodeln kam durch Flüssigkeiten im Rachenraum, also durch Aspiration zustande und hört auf, sobald du den Mund freigeräumt hast.

Auch auf den Schmerzreiz erfolgt keine Reaktion, ich hatte bereits geschrieben, dass keine (Spontan-)Bewegungen auftreten, auch keine ungezielte Schmerzabwehr.

Die Seitenlagerung ist genau das Mittel der Wahl, die Person atmet ja noch spontan, ist aber bewusstlos. Super! Du bist echt fit...

Zu Blutungen aus den Ohren (und der Nase) kann es kommen, wenn es zu einer knöchernen Verletzung der Schädelbasis kommt (Schädelbasisbruch). Dies deutet auf eine massive Gewalteinwirkung auf den Schädel hin. Hierbei kommt es meist auch zu der Entstehung von Hirndruck durch Einblutungen in das Gehirn, weil Blutgefäße im Kopf zerstört werden.

Wie ist der GCS-Score?

Welche Symptome deuten hier auf die Entstehung von Hirndruck hin?

Welche Maßnahmen führst du weiter durch?

BeitragVerfasst: 07.08.2014, 08:41
von -Anja.-
Naaaja, also ganz so fit bin ich nicht ;)

Beim GCS-Score wäre ich dann in der Summe bei 4. Ich bin mir aber wirklich nicht sicher ab das stimmt. Das weißt jedoch auf eine tiefe Bewusstlosigkeit hin.

Ich würde sagen, dass die Pupillenreaktion noch auf den Hirndruck hinweißt. Diese Lichtstarre insbesondere. Und die Weite der Pupillen.

Ich würde gerne vorsichtig und bewegungsarm wie möglich einen Bodycheck von Kopf bis Fuß durchführen. (An den Bereichen, wo ich hinkomme).
Ich taste vorsichtig den Schädel ab und achte auf Stufenbildungen sowie Blut bei jedem Körperteil. Auch auf Hämatome oder irgendwelche Sachen, die abnormal aussehen oder sich anfühlen.
Vom Schädel zum Gesicht, ich gebe leichten Druck auf die Knochen im Gesicht, insbesondere Jochbein und Nasenbein.
Weiter über die HWS, die nicht bewegt wird.
Insbesondere Clavicula und Thorax bekommen meine Aufmerksamkeit. Irgendwelche Instabilitäten? Prellmarken?
Weiter über die Schulter sowie Ober- und Unterarm. Wenn ich bei Hand bin mache ich auch gleich die DMS Kontrolle. (Durchblutung: Leichter Druck auf Daumeninnenseite, Sekunden zählen bis dieser wieder rosig wird. Ergebnis?; Motorik: Beweglichkeit der Finger und des Handgelenks; Sensorik: Zum jetzigen Zeitpunkt nicht feststellbar.)
Auf Thorax sowie Becken gebe ich mit beiden Hände einmal Druck von oben sowie von der Seite. Auffälligkeiten?
Weiter über Oberschenkel, Knie und Unterschenkel. Ich fühle den Puls am mittleren Fußrücken.
Wie ist die Temperatur nun draußen, immernoch sommerlich warm? Eine ungefähre Temperaturangabe wäre hilfreich.

Weiterhin überwache ich Puls an der Carotis sowie die Atemfrequenz. Meinen Vater schicke ich zum Einweisen des RTWs.

BeitragVerfasst: 07.08.2014, 09:42
von Maxi
Kann die angegebene RD Qualifikation zwar nicht erfüllen, würde mich aber mal als RTW Besatzung versuchen. RS iA

BeitragVerfasst: 07.08.2014, 10:10
von Hajo Behrendt
SAN: GCS: Absolute Zustimmung.

Auch ein wichtiges Zeichen für den Hirndruck, die fehlende Pupillenraktion und die Weitstellung, hast du richtig gedeutet. EIn kleinen Hinweis hast du aber übersehen: Ich hatte gesagt das der Puls sehr kräftig tastbar ist.

Wieso ist der Puls so gut tastbar? Bitte ordne das mal dem Krankheitsbild "Hirndruck" zu.

Der Bodycheck ist goldrichtig. Allerdings würde ich eine andere Vorgehensweise empfehlen: Arme und Beine sind nebensächlich und kommen zuletzt beim Abtasten dran. Ich habe früher auch "von Kopf bis Fuss" gelernt, nun aber untersucht man die lebenswichtigen Körperteile zuerst, beginnend am Kopf - HWS - Schultergürten - Brustkorb in zwei Ebenen - Bauchraum (Abwehrspannung?) - Becken in zwei Ebenen - Beine - Arme.

Du hast aber an alle Regionen gedacht. Daher nun die Ergebnisse:
SHT (Deformation im Hinterkopfbereich,Monokelhämatom) - HWS o.B. - Schulter und Thorax stabil, Bauchdecke hart, Oberschenkelfraktur geschlossen rechts, Unterschenkelfraktur geschlossen rechts, Oberarmfraktur geschlossen rechts, Multi-Prell- und Multi-Schürf, aber keine stärker blutende Verletzung.

Rekap-Zeit ist normal. Diesen Test kannst du nicht nur bei Frakturverdacht machen, sondern auch um eine mögliche Zentralisation bei Schock oder Unterkühlung festzustellen, wenn du kein Blutdruckmessgerät zur Hand hast. Sehr gut! Die Durchblutung scheint an allen Extremitäten vorhanden.

Die Temperatur beträgt 32°C.

Tipp zum Notruf: Bei Verkehrsunfällen mit Personenschäden auch die Polizei hinzuziehen.

Die Vitalfunktionen ändern sich nicht.

Noch weitere Maßnahmen? Der RTW wird in ca. acht Minuten eintreffen.




RTD: OK, gerne. Warten wir noch auf einen Kollegen oder möchtest du alleine loslegen?