Irgendwie komisch (anspruchsvoll, prinzipiell aber für alle

Notfallszenarien für Ersthelfer bis Rettungsdienstmitarbeiter.

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12.04.2011, 19:58
Frau Kerstin holen Sie doch bitte den Rettungsdienst herein, der müsste irgendwo draußen sein.
Zuletzt geändert von Gast am 12.04.2011, 19:58, insgesamt 1-mal geändert.

12.04.2011, 20:02
Das ist nicht nötig - der hat sich mitlerweile bis zu euch durchgefragt. Ein paar deiner Klassenkameraden waren so freundlich, und haben ihnen den Weg gezeigt.

Im Raum stehen also jetzt zwei Rettungsassistenten und ein Notarzt, welche von Werner Mayer nicht sonderlich beachtet werden und von dir wissen möchten, was denn bisher passiert sei.

Das ist also der richtige Zeitpunkt für eine ausführliche Übergabe - dann bist du erlöst ;)
Caro, 28, Lehrerin.

12.04.2011, 20:56
"Hallo. Was genau passiert ist kann ich nicht sagen. herr Werner Mayer ist heute etwas komisch. Er halluziniert sich irgendwas zusammen. Er spricht leider nicht wirklich mit mir, weshalb ich keien ausführliche Anamnese oder Untersuchungen durhführen konnte. Noch Fragen?"

12.04.2011, 21:20
Ok, dann ist der offizielle Teil des Fallbeispiels beendet.

Wie hat dir der Fall gefallen?
Wie hast du dich bei der Bearbeitung gefühlt?
Hattest du an bestimmten Punkten Schwierigkeiten oder hast dich unsicher gefühlt?

Und last but not least: Was glaubst du, was der Patient hat?

Meine Manöverkritik gibts dann später.

lg Caro
Caro, 28, Lehrerin.

12.04.2011, 21:27
Der Fall war sehr interessant. irritierend war, dass man alles in wörtlicher Rede schreiben sollte, was ungewohnt war. Der Patient war auch nicht einfach und die reaktion bezüglich des faktors Eigenschutz nicht eindeutig vorher zu sehen.

Der Patient hat folgende Möglichkeiten, die mir einfallen:
Manie oder als DD: Intoxikation (Drogen?)Hypoglykämie, Insult, Hypertonie oder auch Demenz

Ansonsten bin ich ratlos^^ - halte aber eine psychische Erkrankung für wahrscheinlich.

Wieso aber meintest du, dass ein NA> von nöten ist bei dem Krankheitsbild? Die Symptomatik spräche dagegen. sehe keinen Grund für einen NA. Außerdem: Seit wann fordern Schulsanis einen NA an?

12.04.2011, 21:56
Wie du richtig vermutest, liegt in diesem Fall ein psychiatrisches Krankheitsbild zugrunde, wo der Gesprächskontakt zumindest nicht unwichtig ist. Deshalb wollte ich mit der wörtlichen Rede prüfen, ob überhaupt eine Kommunikation zwischen dir und dem Patienten stattfindet.

Was die organischen Verdachtsdiagnosen angeht:

Drogenintox: gehört zu den wichtigen Differentialdiagnosen.
Schlaganfall: ebenfalls, aber schon seltener beim beschriebenen Untersuchungsbefund/der Sypmtomatik.
Hypoglykämie: prinzipiell denkbar, aber eher unwahrscheinlich, weil der Patient noch längere Zeit steht und auch keine sonstigen Symptome erkennbar sind.
Hypertonie: eher unwahrscheinlich. Wie erklärst du damit die fehlende Reaktion auf Ansprache? Dafür bräuchte man dann schon den Insult.
Demenz: An sich nicht schlecht. Prinzipiell kann man jeden Verlust erlernter kognitiver Funktion als "Demenz" bezeichnen. Aber: 1. Lehrer zu jung. 2. Demenzen sind üblicherweise schleichende Prozesse, die nicht binnen kurzer Zeit (ca 3-4 Stunden) "explodieren". 3. würde die Symptomatik ein weit fortgeschrittenes demenzielles Syndrom verlangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er zu diesem Zeitpunkt noch arbeiten würde, ist sehr gering.
Manie: Kann zwar prinzipiell auch mit psychotischen Symptomen einhergehen, die Patienten stehen dann aber überaus selten ganz starr und gesprächsarm im Raum. Sind eher antriebsgesteigert, euphorisch, eventuell gereizt, redebeschleunigt, denkbeschleunigt, im Gedankengang unter Umständen unzusammenhängend, haben Größenideen... etc...

Zum Notarzt: Den hast du nicht angefordert. Das stimmt. Der Disponent wollte sich bloß freundlich zeigen und dir sagen, was er dir schickt. Da, wie du schon richtig erkannt hast, einige der Differentialdiagnosen möglich gewesen wären und diese Notarztindikationen sind, hat sich der Disponent in dem Fall für die "Nummer Sicher" entschieden. Sicherlich ein Diskussionspunkt. (->Don?)


Zur Manöverkritik meinerseits:

Ich hätte mir von Anfang an mehr (Gesprächs)kontakt zum Patienten gewünscht. Auch, wenn dieser nicht reagiert hat, ist es doch wichtig, im Kontakt zu bleiben und ihm zu erklären, was man macht, da dieser in der Situation wach war und unter Umständen alles, was passiert, mitbekommt. Von daher hätte ich mir gewünscht, dass du ihm erklärst, dass du ihm helfen willst, dass alles in Ordnung ist, weiter ganz ruhig versuchst zu fragen, was ihm denn fehlt und so weiter und ihn darüber aufklärst, wenn du Maßnahmen (RR-Messen etc) an ihm durchführen möchtest.

Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass du mit Kerstin und ihrer Rolle anfangs nicht umgehen konntest. Gerade bei psychischen Erkrankungen ist eine Fremdanamnese von großer Bedeutung, vor allem dann, wenn die Patienten dir selbst keine Auskunft geben. Da Kerstin eine Kollegin von Herrn Mayer ist, hättest du auf ihre Hinweise, dass der bereits vor der ersten Stunde schon "so komisch" war, eingehen können. Solche Punkte wären eventuell im Verlauf der Weiterbehandlung des Patienten interessant. Gleichzeitig hättest du dabei die doch recht nervöse Lehrerin etwas beschäftigt und sie im Gespräch etwas beruhigen können, was wiederrum die Reizüberflutung für den Patienten gehemmt hätte.

Der Notruf kam rechtzeitig. Vorsicht aber bei der Verwendung von Fachbegriffen und Verdachtsdiagnosen (-> die Manie, die du auf Rückfrage des Disponenten geäußert hast) - diese bitte nur verwenden, wenn du dir ganz sicher bist. Sonst gilt: Lieber stur die Symptome bzw. die Situation beschreiben und den Disponenten entscheiden lassen, was er daraus macht.

Die Übergabe war ok. Hier hätten halt nur noch die Infos, die Kerstin dir in ihren Kommentaren übermittelt hat, ergänzt werden sollen. Sprich dass der Patient Angst hat, glaubt, dass irgendwer überall ist und dass alle sterben werden. Das hilft den weiterbehandelnden Ärzten möglicherweise bei der Einordnung der Erkrankung.

Alle Klarheiten beseitigt?

Edit: Danke an Kerstin, für ihre spontane Bereitschaft, die Rolle der Lehrerin zu übernehmen und an die Person, die mich fachlich für den Fall beraten hat. Dass ich mir das mit meinem Sanwissen nicht alleine ausgedacht habe, liegt vermutlich eh auf der Hand ;)
Zuletzt geändert von caro87 am 13.04.2011, 11:50, insgesamt 1-mal geändert.
Caro, 28, Lehrerin.

13.04.2011, 15:31
Fand aber, dass du das Fallbeispiel gut augearbeitet hast. Lob von mir.

13.04.2011, 15:39
Merci.
Ich werde versuchen, mal wieder häufiger sowas auszutüfteln - quasi das nächste mal, wenn mir beim Lernen die Decke auf den Kopf fällt. Ich hätte auch schon eine grobe Idee, aber die arbeite ich erst fallbeispielfertig aus, wenn der Essay fertig ist, den ich gestern schon hätte schreiben wollen...
Caro, 28, Lehrerin.

13.04.2011, 17:35
Original von caro87
[...]

"Zum Notarzt: Den hast du nicht angefordert. Das stimmt. Der Disponent wollte sich bloß freundlich zeigen und dir sagen, was er dir schickt. Da, wie du schon richtig erkannt hast, einige der Differentialdiagnosen möglich gewesen wären und diese Notarztindikationen sind, hat sich der Disponent in dem Fall für die "Nummer Sicher" entschieden. Sicherlich ein Diskussionspunkt. (->Don?)"


Ich halte gerade bei einem solchen Zustand des Patienten einen Notarzt für geboten. Der Disponent wird sich bei psychischen Krankheitsbildern häufig recht umfangreiche Informationen einholen, um dann einen Überblick über die Lage zu erhalten und zu entscheiden, ob ein Notarzt Sinn macht. Eine zwingende Indikation liegt zwar wohl nicht vor, aber zum Einen KÖNNTE man den Zustand Herrn Mayers als Bewusstseinstörung auffassen ;). Auch aufgrund der Möglichkeit einer Zwangseinweisung ist ein Notarzt hier m. E. angebracht.


Original von caro87
"Zur Manöverkritik meinerseits:

Ich hätte mir von Anfang an mehr (Gesprächs)kontakt zum Patienten gewünscht. [...] Von daher hätte ich mir gewünscht, dass du ihm erklärst, dass du ihm helfen willst, dass alles in Ordnung ist, weiter ganz ruhig versuchst zu fragen, was ihm denn fehlt und so weiter und ihn darüber aufklärst, wenn du Maßnahmen (RR-Messen etc) an ihm durchführen möchtest.

[...]

Der Notruf kam rechtzeitig. Vorsicht aber bei der Verwendung von Fachbegriffen und Verdachtsdiagnosen (-> die Manie, die du auf Rückfrage des Disponenten geäußert hast) - diese bitte nur verwenden, wenn du dir ganz sicher bist. Sonst gilt: Lieber stur die Symptome bzw. die Situation beschreiben und den Disponenten entscheiden lassen, was er daraus macht.

Die Übergabe war ok. Hier hätten halt nur noch die Infos, die Kerstin dir in ihren Kommentaren übermittelt hat, ergänzt werden sollen. Sprich dass der Patient Angst hat, glaubt, dass irgendwer überall ist und dass alle sterben werden. Das hilft den weiterbehandelnden Ärzten möglicherweise bei der Einordnung der Erkrankung."


Kann nur bestätigen, dass man Verdachtsdiagnosen lieber erfahrenerem Personal überlässt und einfach die Symptome beschreibt. Der Disponent macht sich dann seine Gedanken und trifft eine Entscheidung.

Die Übergabe fand ich etwas kurz, ganz böse ausgedrückt hat er nur gesagt, dass er nichts weiß. Man hätte hier die Fremdanamnese durch Herrn Mayers Kollegin erwähnen sollen.

Zum Thema Gespräch und Umgang mit der anderen Lehrerin: man hätte, wie schon gesagt wurde, durch das Gespräch die Situation etwas entspannen könnnen. Das sehe ich genauso. Aber bitte: NIE sagen, alles werde wieder gut. Das weiß man nicht und ist eine sinnlose Floskel. Man sieht sogar Verletzten schon an, dass genau verstanden wird, dass es sich nur um eine Floskel handelt ;). Also einfach weglassen. Ansonsten Zustimmung und: schönes Fallbeispiel.

wutzmutz
Zuletzt geändert von wutzmutz am 13.04.2011, 23:13, insgesamt 1-mal geändert.
Frohes Pumpen!

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